Zensur in Israel im Jahr 1962
Vor einigen Jahren, während der Postex-Messe in Apeldoorn, durchstöberte ich beiläufig einen großen Karton mit Post. Briefumschläge kosteten jeweils einen Euro. Nachdem ich mehrere Dutzend Sendungen durchgesehen hatte, die mich nicht interessierten, stieß ich auf einen großen Umschlag mit 18 amerikanischen Briefmarken und einigen auffälligen Poststempeln. Ich nahm diesen Umschlag und ein paar andere mit nach Hause, um sie genauer zu untersuchen.
Laut dem Händler waren die amerikanischen Briefmarken nichts Besonderes, weshalb er sie in die Kiste mit den billigen Postwertzeichen gesteckt hatte. Auch Poststempel werden kaum gesammelt, vor allem nicht, wenn sie nicht deutlich erkennbar sind.
Doch zunächst zum Adressaten. Offensichtlich eine philatelistische Adresse, daher der Hinweis auf „philatelistische“ Frankierung … Ist das Aufkleben vieler Briefmarken eine philatelistische Frankierung? Unzählige Antworten darauf wurden bereits gegeben, und ich werde nicht weiter darauf eingehen. Aber zur Adresse. Der Name „The Holy Land Philatelist“ kam mir bekannt vor. Ein kurzer Blick genügte, und tatsächlich: Es handelte sich um den Herausgeber der philatelistischen Monatszeitschrift „Israel’s Stamp Monthly“, die von November 1954 bis September 1961 erschien. Und Herr Pollack hatte darin mehrere Artikel veröffentlicht. Er verfasste auch Broschüren, wie beispielsweise „The Turkish Post in the Holy Land“ im Jahr 1962.
Dr. Joseph L. Kurtzman war Autor mehrerer Bücher, unter anderem über jüdische Kunst und Synagogen. Der Zusammenhang zwischen den beiden Adressen war also offensichtlich. Was dem Händler in Apeldoorn vermutlich nicht wichtig erschien, war der schmale Streifen links auf dem Umschlag mit der roten Aufschrift „1016?“. Eine Zahl mit einem hebräischen Buchstaben daneben. Der Buchstabe steht für T (Ta). Ein Zensurstreifen! Und Zensur ist eines meiner Sammelgebiete.
Und auch die Poststempel auf dem Umschlag. Er war per Luftpost als Einschreiben mit Rückschein verschickt worden. Der Empfänger musste daher den Empfang bestätigen, und dieser Beleg wurde dann an den Absender zurückgeschickt. War das Porto korrekt? Insgesamt waren 88 Cent mit 18 Briefmarken bezahlt worden. Für die damalige Zeit eine ansehnliche Summe.
Auf der Rückseite des Umschlags war der gefaltete Teil des Zensurstreifens sichtbar. Darauf stand (übersetzt: vom Zensurdienst geöffnet).
Der Stempelabdruck der Versandstelle in Charleston, South Carolina, war sehr deutlich: 4. Mai 1962. Im Gegensatz dazu der Stempelabdruck der Poststelle in Tel Aviv-Jaffa, teils auf dem Klebeband, teils auf dem Umschlag.
Das Jahr 1962 war ein besonderes Jahr für Israel. Adolf Eichmann wurde 1960 von Siemon Wiesenthal aufgespürt, vom israelischen Geheimdienst Mossad gefasst und nach Israel überführt. 1962 wurde er von einem israelischen Gericht wegen Kriegsverbrechen verurteilt und am 1. Juni 1962 hingerichtet. Dieser Umschlag sollte unbedingt aufbewahrt werden, nicht nur wegen seiner philatelistischen Bedeutung, sondern auch aufgrund der Geschichte Israels in dieser turbulenten Zeit.
